MILLIARDEN

EINLASS: AB 18 UHR  //  BEGINN: 19:30

ZUTATEN

Konzertbesuch nur mit Nachweis eines der 3 G’s: • Getestet (Schnelltest – nicht älter als 48 Stunden) • Genesen (nicht älter als sechs Monate) • Geimpft (vollständig)
Die Unschuldsfrage steht auf jedem Etikett, jeder Inhaltangabe, im Kleingedruckten jedes Kontoeröffnungsformulars. Und wenn es Vordrucke für Zwischenmenschliche Begegnungen gäbe, würde sie prophylaktisch vermutlich auch darin zum Abhaken auftauchen. Es ist zum Schlechtwerden und längst überfällig, einen anderen Umgang mit der Unschuld zu finden – vielleicht sogar eine andere Sprache. Um die kämpft die Berliner Band Milliarden auf ihrem neuen Album „Schuldig“ mit aller Macht, allen Beilen, allen Steinen, allen Macheten, aller Wort- und Musikfindungsoriginalität. „Himmelblick“, die Single-Auskopplung, ist in ihrer Ambiguität ein ohrenreibendes Amuse- Gueule vor dem Album-Hauptgang: zum Mitklatschen folkrockig in der Musiksprache, voller Ekel und Schönheit in der Aussage. Tut es schon weh? Nein? Ist ja sowieso alles egal, über den Wolken, im Flieger über dem Kriegsgebiet. Hauptsache, jemand guckt verliebt. Und, Baby, wenn das nagende Gefühl im Bauch besonders nagt, ficken wir den Tod einfach weg. Es wächst ja wieder Neues heran, das auch irgendwann egal wird. Tut es jetzt weh? Immer noch nicht? Rasch auf die Bordtoilette zum schnellen Sex! Dir, mir, uns, denen, allen ist ja ohnehin alles egal. Milliarden kommen aus Berlin. Sie sind zu zweit. Auf der Bühne und zur Einspielung von zweimal Ideenrausch sind sie in der Regel mehr als Zwei. Milliarden machen Rockmusik. Sie können aber auch Pop wie weiland XTC. Also vom Feinsten. „Schuldig“, das dritte Album, das, nochmal eingestreut, ihr neues ist, bewegt sich musikalisch und inhaltlich weg von dem was war, hin zu dem was ist. Milliarden sind jetzt, soweit man 2020 eigenständig sein kann, autark, sie haben ein eigenes Plattenlabel gegründet: „Zuckerplatte“. Milliarden sind Ben Hartmann und Johannes Aue.   Annäherung Eine Autofahrt von Wien nach Berlin. Am Steuer: Ben Hartmann. 2013 gründete er zusammen mit Johannes Aue das Rockgebilde Milliarden. Als Kreativschmiede sind sie zu zweit geblieben. Für die Live-Umsetzung ihrer Lieder und im Aufnahmestudio kommt ein fester Kreis an Musikern dazu. Die sind, laut Hartmann, allesamt bessere Instrumentalisten als er und Aue. Texte und Kompositionen, die gestalterischen Impulse, stammen hingegen ausschließlich von den beiden Milliarden-Gründern. Das mit der Musik fing früh an, mit ungefähr 12. Die Kindergärtnerin, die im Plattenbau in Berlin-Marzahn-Hellersdorf eine Wohnung nebenan bewohnte, konnte zwei, drei Griffe auf der Akustischen spielen – wie eigentlich jede Erzieherin. Ein paar gelauschte und selbstausprobierte Akkorde öffneten Hartmann und Aue eine Welt, in der sie sein konnten. Danach kam Punk. Der Haltung wegen. In der sechsten Klasse gab es Mitschüler, die sich Nazis nannten und kurzgeschorene Haare trugen. Denen begegnete Hartmann mit bunten Schnürsenkeln, seinem ersten Irokesen und der Energie des Skatepunk. Die Freunde aus den benachbarten Asylantenheimen, Russen, Bosnier, Kasachen, und der erste, beste Freund aus der Mongolei, förderten mit ihren Lebensgeschichten ein humanistisches Menschenbild, das zur Überzeugung wurde. Als werbende Geste will Ben Hartmann seine Vita und das was ihn und Johannes Aue ausmacht nicht missverstanden wissen. Sozialromantik ist ihm genauso suspekt wie das schlagwortgerechte Für und Wider unserer Zeit. Man muss Musik nicht mit marktkonformer oder zeitgeistiger Heureka!-Politur anbieten. Sie darf auch für sich sprechen. Unschuldig Kurz hinter der österreichisch-tschechischen Grenze redet Ben Hartmann über das neue Milliarden-Album „Schuldig“. Es ist das Dritte der Band und es markiert eine Bewegung von dem was vorher war zu dem was jetzt ist. Oder besser gesagt: „Schuldig“ ist, neben all dem Vieldimensionalen, das die Platte ausmacht, auch ein wichtiger Schritt Richtung Selbstbestimmung. „Zuckerplatte“ heißt das frisch gegründete, bandeigene Plattenlabel, dessen erste Veröffentlichung die vorherigen sieben Bandjahre keinesfalls in Abrede stellt. Hartmann und Aue haben sich aber willentlich von Vielem getrennt, um etwas Neues erforschen zu können. Die Sache mit der Unschuld beispielsweise. Man muss die Werke der großen Philosophen nicht kennen, um den Ekel empfinden zu können, den die Unschuld nach sich ziehen kann. Auch das, zugegeben, erheiternde Studium der Schriften Friedrich Nietzsches ist nicht vonnöten, um „Schuldig“ verstehen zu können. Es reicht schon ein Spaziergang durch bundesdeutsche Innenstädte und das Vertrauen auf die eigene Intuition. Der Glaube an die Unschuld ist ein sozialromantisches Konstrukt, ein großer Kitsch, der sich bis zur Unkenntlichkeit durch alles zieht und zieht und zieht und zieht. „Los, leise, langsam, laut…“ – dann ist man auch schon mitten im „Schuldig sein“, mitten in den Grauzonen zwischen Teilhaben und Nichtteilhaben an einer Gesellschaft, in der Sex, Medizin und Kokain Verbraucherinteressen definieren. „Poch, poch, herein!“ sagt die Stimme am Ende des ersten Songs der neuen Platte. Es ist das Entree ins Album „Schuldig“. Es kann aber auch der Zugang zu dir, zum Ekel vor dir selbst oder zur Selbstakzeptanz sein, den du dir selbst gewährst – nach dem ganzen Koks- und Pillen- und Menschenfleischrausch. Schuldig Die Liebe! Oh, ja, die Liebe. Auch so ein Konstrukt! Was ist Lüge, was ist Wahrheit? „Wir müssen lieben, um zu leben“ heißt es so schön plakativ in „Die Gedanken sind frei“. Wirklich? Trotz des Bewusstseins, dass uns die Neurosen aneinander abarbeiten lassen, beim Lieben, beim Sex? Nichts auf dem Album „Schuldig“ ist manifest. Alles fließt, alles steht zur Disposition. „Schuldig“ ist frei von Moralisieren und Polarisieren. Aber es ist einer Frage auf der Spur, die so alt ist wie das Streben nach der Unschuld: Wer bin ich? Möglicherweise findet man die Antwort darauf bereits, wenn man ein anarchischer Zustand seiner eigenen Geschichte sein will – um nicht nur Spielball in einer Geschichte gewesen sein zu müssen, in der man stattfand. Vieles auf „Schuldig“ dreht sich um Selbstermächtigung, um die Ahnung, dass uns nicht nur Sprache, Ohnmacht und Gewöhnung definiert, sondern das bewusste Treffen von Entscheidungen. „Wir Ficken den Tod einfach weg“, heißt es aus den Lautsprechern, während Ben Hartmann „Himmelblick“, die erste Single-Auskopplung aus „Schuldig“ vorspielt. Wieder eine dieser vieldeutigen Milliarden-Aussagen!  Der Gesang folgt dazu beinahe Rap-Pulsmustern, während die Musik parallel mit klassischem Folkrock flirtet. Es ist viel los in den zehn Stücken des neuen Milliarden-Albums. „Die Fälschungen sind echt“ ist Pop, yeah, yeah yeah! So sehr Pop, dass XTC glatt wiederauferstanden sein könnten. „Weiter, weiter, weiter“ trägt die geschlagene Tastenklappe eines Pianos in gestampfter „We Will Rock You“-Manier durch die Ballade „Ich schiess dir in dein Herz“. Epilog „Neues Leben“, der vorletzte „Schuldig“-Song fasst das Album treffsicher formuliert zusammen. Der Rock-Bolero steigert sich und steigert sich bis die Zeile „Ich werde mir das neue Leben nehmen“ wie ein Urschrei erklingt. Ist das die Umkehr vom Ekel vor sich selbst und vor der Masse hin zum Versöhnlichen, zur Selbstgnade? Könnte schon sein. Erklären möchte Ben Hartmann, die eine Hälfte von Milliarden, seine Texte nicht. Das wäre ja auch viel zu sehr Beipackzettelgebaren für eine Band, die gerne an das Denkvermögen aufmerksamer Ohrenpaare appelliert. Gleichzeitig ist „Schuldig“ aber auch so viel Schweiß, Blut, Tränen und Aroma, dass die Denke das Gesamtwerk ruhig auch erst später erfassen darf. Beim zwanzigsten, dreißigsten Hören. Nach dem Passieren der tschechisch-deutschen Grenze bei Dresden setzt die Reflexion des Gehörten und Besprochenen ein. Und das gute Gefühl, den Raum mit einer Kreativbande geteilt zu haben, die dem Höher-Schneller-Weiter-Diktat der Populismus-Branche trotzt. Mit der Hinwendung zu mehr Tiefe, Wahrhaftigkeit und Intensität.

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